Offene Beziehung – so kann sie funktionieren

Einführung

Fragt man 100 Paare, welche Eigenschaft in einer Beziehung den höchsten Stellenwert hat, ist die Antwort in 97 Fällen „Treue“. Monogamie als Grundvoraussetzung für eine Beziehung ist nach Ansicht der Deutschen immer noch unverzichtbar. In der Folge löst eine Verletzung dieser ehernen Regel fast immer schwere Krisen aus und ist nicht selten ursächlich für ein Ende der Partnerschaft.

Und doch – eine wachsende Anzahl von Menschen kann sich eine Alternative zu dem traditionellen Beziehungsmodell vorstellen. Eine offene Beziehung hat als Gegenentwurf zur klassischen Partnerschaft also durchaus seine Daseinsberechtigung. Nun darf man sich eine offene Beziehung nicht als wildes Durcheinander vorstellen, in dem jeder tun und lassen kann, was er möchte. Umfragen legen nämlich auch offen, dass offene Beziehungen weder glücklicher noch unglücklicher als monogame Beziehungen sind. Dies legt den Schluss nahe, dass auch diese Form der Partnerschaft ohne klare Regeln nicht auskommt.

Was ist eine offene Beziehung?

Definitionsgemäß ist eine Beziehung zwischen zwei Menschen dann offen, wenn beide die Freiheit haben, neben dem eigenen Partner auch weitere Sexualkontakte zu unterhalten. Dies muss offen kommuniziert sein und bedarf des beiderseitigen Einverständnisses. Klar davon abzugrenzen ist die sogenannte pseudo-offene oder einseitig offene Beziehung. In diesem Fall lebt nur einer der Partner seine sexuelle Freiheit mit anderen Personen aus, während der andere Partner von diesen Aktivitäten zwar weiß, damit aber nicht einverstanden ist oder diese bestenfalls widerwillig duldet. Es ist unnötig zu erwähnen, dass diese Art der Beziehung in der Regel nicht glücklich verläuft.

Offene Beziehung – gemeinsame Entscheidung beider Partner

Elementare Voraussetzung für das Gelingen einer offenen Beziehung ist der ausdrückliche Wunsch beider Partner, dieses Beziehungsmodell leben zu wollen. Es genügt keinesfalls, wenn der Wunsch nur von einem Partner ausgesprochen und vom anderen abgenickt wird. Häufig genug fühlt sich ein Teil der Partnerschaft mit dem Gedanken nicht wohl, stimmt aber aus Angst, den anderen sonst vielleicht zu verlieren, zu. Die bewusste Entscheidung für eine offene Beziehung darf nicht mit einem schlechten Bauchgefühl getroffen werden – und schon gar nicht aus dem Grund, dem anderen damit einen Gefallen zu tun.

Wichtig dabei ist, sich selbst genau zu hinterfragen. Manche Menschen sind aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur einfach nicht für eine offene Beziehung geeignet. Eifersucht oder ein geringes Selbstwertgefühl sind natürlich im höchsten Maße hinderlich. Es ist absolut notwendig, darüber nachzudenken, welche Vorstellung man an eine Beziehung hat und welche Ängste und Skrupel eventuell bestehen. Neben der Selbstreflexion ist im Vorfeld auch eine klare Kommunikation mit dem Partner erforderlich, um festzustellen, ob für ein derartiges Vorhaben überhaupt eine gemeinsame Basis existiert.

Wann kommt die offene Beziehung infrage?

Es kommt vielfach vor, dass bisher monogame Beziehungen geöffnet werden sollen, um Schwung in die eigene Partnerschaft zu bringen oder eine Erfahrung zu machen, die bisher verabsäumt wurde. Motivation für die Öffnung ist also die Erkenntnis, dass sich eine gewisse Unzufriedenheit ausgebreitet hat und die Beziehung nicht mehr wie gewünscht funktioniert. Der Versuch, diese dadurch aufzupeppen oder gar zu retten, indem man andere Sexualpartner in sein Leben lässt, ist gefährlich und keinesfalls anzuraten. In diesen Fällen ist es deutlich sinnvoller, gemeinsam oder auch mit Hilfe eines Therapeuten an der eigenen Partnerschaft zu arbeiten. Bildhaft gesprochen: Wenn den Schafen langweilig wird, laden sie ja trotzdem keinen Wolf auf die Weide ein.

So kann die offene Beziehung gelingen

Haben sich beide Partner gemeinsam und nach freier und gereifter Entscheidung dazu entschlossen, das Modell einer offenen Beziehung auszuprobieren, gilt es, die Regeln für diese festzulegen. Sind manche Menschen brennend an den Liebesabenteuern des anderen interessiert, wollen andere am besten überhaupt nichts darüber wissen. Zudem ist es wichtig, gemeinsam die Grenzen festzulegen. So kann es beispielsweise tabu sein, Sex mit Bekannten zu haben oder im gemeinsamen Ehebett. Auch eine Art Sicherheitszone um den eigenen Wohnort kann ein Thema sein, um die Gefahr zu häufiger Kontakte zu bannen. Einigen ist es wichtig, dass sich der Sex mit einer Person nicht wiederholt, um zu verhindern, dass aus einer rein körperlichen Anziehung mehr erwächst. Dieser gemeinsam festgelegte Rahmen muss für beide Partner bindend sein, da ein Missachten dessen zu einem ähnlichen Vertrauensverlust führen kann wie ein Seitensprung in einer monogamen Beziehung.

Eine permanente und ehrliche Kommunikation über die eigenen Gefühle kann sehr hilfreich sein. Beide Partner müssen wissen, wie es dem anderen mit diesem Beziehungsmodell geht. Denn eine Sache ist sicher: Gefühle können sich verändern, und was gestern noch in Ordnung war, kann es morgen vielleicht schon nicht mehr sein. Wenn sich herausstellt, dass einer der beiden mit der Situation doch nicht wie geplant zurechtkommt, muss ein Rückzieher erlaubt sein. Dabei gibt es natürlich keine Garantie dafür, dass es funktioniert, wenn auf Knopfdruck wieder Monogamie hergestellt werden soll. Driften die Anschauungen beider Partner dann zu weit auseinander, ist eine einvernehmliche Trennung womöglich die beste Lösung.

Offene Beziehung – aufregend, aber nicht problemlos

Grundsätzlich ist eine offene Beziehung keinesfalls moralisch zu verurteilen und sicherlich ein gangbarer Weg für bestimmte Paare, die in einer monogamen Partnerschaft nicht die Befriedigung finden, die sie brauchen. Jedoch ist eine derartige Beziehung kein Garten Eden. Zumindest keiner ohne Schlange. Denn in einer Beziehung, in der der Partner geteilt werden soll, lauern verschiedenste Fallstricke und Tretminen, die es zu umschiffen gilt. Aus der Erfahrung heraus kann beobachtet werden, dass offene Beziehungen oft viel komplizierter zu führen sind als monogame – insbesondere mit Kindern. Es bleibt in jedem Fall ein Spiel mit dem Feuer – aufregend und anziehend, aber nicht ohne Gefahren.